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Berufserfahrung

Zum Welt-Autismus-Tag: Ein PROaupair berichtet über die Erfahrung mit ihrem autistischen Gastsohn

Carola Marti betreut ein Jungen mit Autismus

Von Gastautor Carola Marti − 02. April 2015 remove_red_eye 2.220 Views chat_bubble
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Die Ergotherapeutin Carola ist seit September 2014 in San Francisco und arbeitet dort mit einem autistischen Kind zusammen. Ihr macht die Arbeit so viel Spaß, dass sie ihren Arbeitsvertrag gern verlängern möchte.

Wie sieht dein Tagesablauf mit einem autistischen Jungen aus?
Früh mache ich Frühstück und Schulbrote, dann geht es zum Zähneputzen und die Schulsachen werden zusammen gesucht. Irgendwann sitzt mein Gastsohn Oscar im Schulbus und ich habe frei bis die Schule vorbei ist.

Am Nachmittag mache ich mit ihm zusammen die Hausaufgaben und wir üben außerdem Klavierspielen. Einmal die Woche bekommt Oscar Physiotherapie. Bei vielen alltäglichen Handlungen, wie Duschen oder Zähneputzen, benötigt Oscar viel Unterstützung und Anleitung. Außerdem kommt es oft vor, dass er sich übermäßig auf Zahlen oder Bildschirme fixiert. Dann ist er nur schwer von dem Display der Mikrowelle wegzubekommen. So hat jeder Tag seine Herausforderungen, obwohl sie vom Ablauf alle sehr ähnlich sind. Es wird nie langweilig!

Welche Fortschritte hat dein Gastkind gemacht, seit dem du ihn als Professional Au-pair betreust?
Als ich im September 2014 mit meinem Job als Ergotherapeutin in der Familie begann, war es für Oscar kaum möglich, seine Zähne zu putzen, ohne dass jemand seine Hand führt. Der ganze Ablauf musste verbal unterstützt werden. So stellte ich sicher, dass beispielsweise Zahnpasta auf der Zahnbürste ist, bevor er mit dem Zähneputzen beginnt.

Ziemlich schnell merkte ich, dass Oscar Schwierigkeiten bei der Umsetzung meiner Anleitungen hat. Dies betraf alle Wörter, die etwas mit Raum und Lage zu tun haben. Zu diesen Wörtern gehören zum Beispiel oben, unten, rechts, links, herumdrehen, vorn und hinten. Wie erklärt man einem Jungen, ohne diese Worte, dass man die Zahnbürste herumdrehen muss, wenn man die obere Zahnreihe putzen möchte?

Nach einigem Nachdenken und Herumprobieren, entschloss ich mich dazu, Bildkarten mit den einzelnen Schritten – vom Nehmen der Bürste aus dem Becher, bis zum Gesicht abtrocknen – zu verwenden. Dann hat es noch eine Weile gedauert, bis ich es geschafft habe, den Prozess in sinnvolle und nicht zu klein- oder großschrittige Einzelschritte zu zergliedern. Dafür dachte ich mir ebenfalls Bilder aus und zeichnete sie. Am Ende hatte ich 20 Schritte und damit auch 20 Karten. Es war schön zu sehen, wie gut Oscar die Karten angenommen hat. Mittlerweise hat er die Schritte sehr verinnerlicht. An guten Tagen kann er sogar seine Zähneputzen, ohne dass ihm die Karten gezeigt werden müssen!

Wie konntest du deine Fertigkeiten in den USA verbessern? Was hast du dazu gelernt?
An meinen Samstagen arbeite ich freiwillig bei einer Ergotherapeutin mit, die eine Gruppe für „Special Needs“ Kinder leitet. Dort kann ich Fragen loswerden und mich im Umgang mit anderen Kindern austesten und Erfahrungen sammeln. Ich kann viel beobachten und abschauen, v.a. auf kommunikativer Ebene.

Außerdem belege ich seit Anfang des Jahres einen Kurs in allgemeiner Psychologie, welcher sehr interessant ist und mir viele englische Fachbegriffe näher bringt, welche in der Ergotherapie in den USA wichtig sind.

Was ist die größte Herausforderung für dich in der Betreuung eines autistischen Kindes?
Die größte Herausforderung ist für mich, dass für Oscar Dinge, wie z.B. Zeitdruck, keine große Bedeutung haben. Er nimmt die Welt anders wahr. Für ihn ist es viel wichtiger zu sehen, wie bei der Waschmaschine die Minuten weniger werden, als sich zu beeilen, um den Schulbus zu erwischen. Egal wie gestresst ich bin, er bleibt meist unbeeindruckt.

Was möchtest du zukünftigen PROaupairs mit auf den Weg geben?
Es ist ein großer Schritt, sich für ein Jahr oder mehr ins Ausland zu begeben. Aber ich würde jeden ermutigen, es zu wagen! Für eine längere Zeit in einer anderen Kultur zu leben, die Sprache zu lernen, neue Freunde zu finden und alles andere zu meistern, was auf einen zukommt, gibt Lebenserfahrung und ermöglicht es über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Es ist ein Privileg, so eine Chance zu bekommen und es lohnt sich, sie zu nutzen!

Wir danken Carola für dieses tolle Interview und wünschen dir weiterhin viel Spaß!

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